Montag, 5. Mai 2008

Shippering down the Yangtse

Stellt euch vor, ihr fliegt in die größte Stadt der Welt und wisst nichts davon. Das gibt es nicht? So ging es uns aber als wir zum Ausgangspunkt unserer Yangtse-Kreuzfahrt nach Chongqing geflogen sind. Noch nie davon gehört? Wir auch nicht. Dennoch ist die Stadt mit 32 Mio. Einwohnern die größte Stadt der Welt. Dazu muss man allerdings erwähnen, dass dies erst nach der Eingemeindung 1997, die verhältnismäßig einer Eingemeindung Österreichs in Wien gleicht, der Fall ist.
Am Flughafen wurden wir von Frau Huang (Frau Gelb) abgeholt. Für uns alle war es plötzlich sehr ungewohnt, dass eine Chinesin mit uns deutsch sprach. Intuitiv wollte man immer in Englisch Konversation betreiben. Seltsam, wie schnell man sich daran gewöhnt und wie schwer es ist, das wieder abzustellen.
Ihre Fahrerin brachte uns zu einer Pagode auf einem Berg, von wo aus man einen Überblick über die dunstige Stadt hatte. Aufgrund der vielen Berge ist sie auch bekannt als die Stadt ohne Fahrräder, sehr untypisch in China. Es war der erste Tag, an dem man richtig spüren konnte, dass jetzt die Hitze kommt.

Weiter ging es in ein Gebäude, in dem man den Yangtse entlang des Staudammprojekts ablaufen konnte, dessen Verlauf ein Künstler an die Wand gemalt hatte. Es macht einen sprachlos, die Verhältnisse des alten Wasserstandes zum baldigen im Jahr 2009 zu sehen und noch viel mehr, wie viele Menschen umgesiedelt werden mussten, knapp 2 Millionen (!!!) werden einfach so aus der Heimat entwurzelt. Uns wurde gesagt, die älteren Menschen, überwiegend Bauern, welche auf das ertragreiche Schwemmland am Ufer des Yangtsekiang verzichten und in die höherliegenden Gebiete ziehen müssen, sehen dies natürlich mit Wehmut, doch viele Junge begreifen dies als Chance, da sie häufig in die großen Städte gehen dürfen und die Möglichkeit eines besseren Lebens erwarten.
Nicht nur Heimat wird dort geflutet, auch Sehenswürdigkeiten müssen entweder höher ziehen oder verschwinden gar ganz im Staudamm. Was da an kulturellem Erbe verlorengeht ist nicht in Worte zu fassen. Dennoch, begründet wird der Bau mit den 3 folgenden Vorteilen: Hochwasserschutz, Energieerzeugung und Verbesserung der Schifffahrt.

Nach dieser Besichtigung ging es zum Abendessen in ein Hot-Pot-Restaurant, in dem uns die Spezialität der Stadt aufgetragen wurde: Feuertopf. Das Ganze funktioniert so ähnlich wie Fondue. In der Mitte steht ein Topf in dessen Mitte wiederum ein Töpfchen mit superscharfe Soße köchelt, außenrum ist milde Soße. Man sucht sich nun also aus, was man mag: verschiedenes Fleisch, Fisch, Gemüse, Gebäck... Und dann hat man die Wahl es in den Hot-Pot oder Smooth-Pot zu schmeißen. Unser Feuertopf sollte laut Aussage von Frau Gelb nicht annähernd so spicy sein, wie der, den die Einheimischen essen. Er war schon sauscharf, dennoch kam ich ganz gut damit zurecht, nur irgendein Gewürz darin hat mir gar nicht gemundet, sodass ich mich überwiegend am Smooth-Pot bedient habe.
Gesättigt wurden wir zur Schiffsanlegestelle gebracht, zu der man die letzten Meter nach unten mit der Seilbahn zurücklegt. Hier hat uns Frau Gelb dann verlassen und uns an unseren „prächtigen“ Ben übergeben, der für uns deutschen Gäste an Board verantwortlich war und dessen Lieblingswort, ihr werdet es ahnen, „prächtig“ war.

So haben wir uns erst mal auf unseren Kabinen eingeschüttelt. Preis-Leistung war ok, alles sauber, angemessen eingerichtet und keinen Motorenlärm. Das war also schon mal prächtig. Die Jungs von TUI haben mit ihrem Kreuzfahrtbegleitmäppchen sogar ein bisschen Humor beigesteuert. In dem stand sinngemäß geschrieben, dass sie das ganze Schiff gechartert haben, um größtmöglichen Einfluss auf Wartung, Service, Ausstattung etc. zu haben. Auf Deutsch gesagt: Was man hier vorfindet, ist Maximum. Sie haben alles rausgeholt. Mehr geht nicht.

Die erste Nacht haben wir noch im Hafen von Chongqing verbracht. Erst am nächsten Tag um 8 Uhr legte das Schiff ab. Auf ging’s zur 663 km langen Kreuzfahrt. Vorher wurden wir wie jeden Morgen mit Klingklongklimbim-Musik geweckt, und dann von Ben gebeten in den Frühstücksraum zu kommen, alles durch die Lautsprecher. Man fühlt sich ein bisschen wie bei Big Brother *g*. Wir wurden auch immer gestaffelt aufgerufen, die Ausländer immer zuerst, weil die Chinesen immer gleich das ganze Buffet leer putzen. Is’ ja bezahlt.
Unsere Tischnachbarn, ein Ehepaar aus Peking, er ist auf der deutschen Botschaft, und das Ehepaar K. aus H. (über die gibt’s mehr zu erzählen, ich muss ihre Anonymität wahren) haben nicht schlecht gestaunt, als Lars das Nutella-Glas ausgepackt hat, man kann ja nie wissen. Es hat sich jedenfalls gelohnt. Nach der Reise war nach der intensiven Nutzung durch 6 Leute vielleicht noch ein Viertel übrig.
Erste Anlegestelle und Ausflugsort sollte die Geisterstadt Fengdu sein, deren Sehenswürdigkeiten schon weiter nach oben verlegt wurden und die nächstes Jahr nur noch eine Insel sein wird. Um nach oben zu gelangen kann man entweder die Seilbahn benutzen oder zu Fuß hochlaufen. Nach unserem Huangshan-Erlebnis war das allerdings ein Witz. Ich war fast ein wenig unzufrieden, als wir schon oben waren.
Unser Local Guide, eine junge Dame, testete nun unsere Entscheidungsfreudigkeit: Willst du mit deinem jetzigen Partner auch im nächsten Leben zusammen sein? Ja? Dann Hand in Hand und mit exakt 9 Schritten über die Brücke laufen. Willst du im nächsten Leben lieber ein Mann oder eine Frau sein? Dann entweder jeweils mit dem linken oder rechten Fuß zuerst über die Schwelle steigen. Vorsicht! Man beachte die vorangegangene Wahl! Wir wurden zwar nicht gewarnt, aber konsequenterweise entscheidet man jetzt also auch, ob man selbst und der Partner im nächsten Leben homosexuell wird oder nicht. Mehrere solcher Aufgaben folgten, bei der letzten entscheidet man mit der Wahl des Überquerens der linken oder rechten Brücke darüber, ob man im nächsten Leben lieber reich oder gesund sein will.
Am Abend fand das Captain’s Welcome Banquet statt. Das war ein Spaß! Zumindest für uns. Beim Ehepaar K. aus H., gekleidet in Dior, Aigner, Armani, whatever, sie aufgetakelt bis zum Geht-nicht-mehr, sah es wohl etwas anders aus. Bevor die Speisen aufgetragen wurden, spitzte Frau K. ihren Mund und verkündete in übertriebenem Hochdeutsch, wie immer wenn sie etwas mitzuteilen hatte, sie habe gestern schon das Essen mit Stäbchen geübt.
Aha, na das ist doch schön für sie. Let’s get ready to rumble!
Das Essen kam und wurde in der typischen chinesischen Manier auf die drehbare Glasplatte gestellt. Wir sechs aus Nanjing, Christina mal mit eingeschlossen, sie war ja auch schon ganz gut geübt, haben die Gerichte gescannt (es wiederholt sich ja doch vieles), hatten schnell entschieden, was das Beste ist und haben uns mit raffinierter Chopsticktechnik ungebremst darauf gestürzt. Auch die beiden aus Peking waren ja alles andere als unerfahren und so musste sich Familie K. aus H. mit dem Rest begnügen. Die beiden Gesichter zu beobachten war schon ziemlich lustig. Die wussten nicht so richtig wie ihnen geschah. Viel mehr als Reis und ein bisschen Gemüse war für die wohl nicht drin.

Gesammelte Zitate von Frau K.:

„Tofu? Das ist so synthetisches Zeug aus Eiweiß.“ (Anmerkung: Tofu ist eine Art gepresster Quark aus Sojabohnen-Teig)

„Ich bin so froh, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich hab Heimweh.“ (Anmerkung von Claudia: Was die hat ist nicht Heimweh, sondern Hunger.“)

Herr K.: „Du bist es eben nicht gewöhnt, so zeitig und auf diese Art geweckt zu werden.“
Frau K. „Ich bin es überhaupt nicht gewöhnt geweckt zu werden.“ (Anmerkung: Alles klar...)

Frau K.: „Können die Chinesen eigentlich mit ihren Handys auch aus China raus telefonieren?“ (Antwort: Nein, das dürfen sie nicht, damit keine internationalen Geschäftsbeziehungen entstehen und sie keine Dior-Produkte „Made in China“ tragen muss.)

Frau K. am letzten Abend der Kreuzfahrt: „Ach sie wohnen alle in China? Sie sind also alle Chinesen? Also wir sind übrigens Familie K***** aus H*******.“ (Anmerkung: Alter Schalter, jeden Tag fragt sie lustige Sachen und wir alle geben Antworten aus unserem Erfahrungsschatz und heute merkt sie, dass wir alle in China leben...)
Abends saßen wir noch ein wenig in der Bar und haben ein paar Bier getrunken. Gerade als wegen des Unterhaltungsprogramms das Licht gedimmt wurde, sollte Mr. Hassa die Unterschrift leisten, dass die Getränke aufs Zimmer geschrieben werden: "Oh, sorry, I can't sign now, it is dark." Und wir sagen nur, pass auf, das wär's jetzt, wenn die 'ne Taschenlampe hat. Und plötzlich zückt das Mädchen echt eine Taschenlampe! Wir konnten nicht mehr vor Lachen, wie man auch an Stefans Gesichtsausdruck sieht. Die sind echt auf alles vorbereitet.

Am nächsten Morgen hieß es noch zeitiger aufstehen als sonst: schon 6 Uhr wurden wir geweckt, weil wir um 7:30 Uhr zur „Shore Excursion to the White Emperor Town“ („Küstenausflug zur Stadt des Weißen Kaisers“) bereitstehen mussten. Was wir uns dort angeschaut haben, weiß ich schon gar nicht mehr genau. Ich weiß nur noch, dass das die „Maybe later City“ war. Direkt bei Landgang wird man von den vielen Verkaufwilligen mit Sprüchen wie „Maybe later“ oder sogar „Maybe later, later cheaper“ belagert. Wir sind uns nicht ganz schlüssig, ob sie selber verstanden haben, was sie da sagten, oder ob sie nur nachgeplappert haben, was etliche Touristen zu ihnen gesagt haben.
Außerdem haben wir heute 2 der 3 Schluchten durchquert. Zuerst die mit 8 km kürzeste und schmalste Qutang-Schlucht. Die Berge zu beiden Seiten sind bis zu 1200 m hoch. Am Nachmittag sind wir durch die Wu-Schlucht gefahren, welche 12 wolkenverhangene Bergespitzen hat. Eine davon ist der Feengipfel (Goddess Peak), welcher laut Legenden die Flussschiffer vor 12 Drachen beschützt hat.
Dann ging es weiter zum nächsten Ausflug zu einer kleineren Schlucht, die nur mit einem kleineren Schiff zugänglich ist. Dort konnten wir die 2000 Jahre alten hängenden Särge sehen und sind dann in die kleineren Erbsenschotenboote umgestiegen. Da es aber nun immer heftiger regnete und die Gefahrt stieg, dass sich Steine lösten und auf uns herabfielen, wurden wir von den Bootsmännern nicht den Fluss hinaufgezogen, sondern kehrten zurück und bekamen ein etwas anderes Kulturprogramm mit chinesischen Gesängen. In unseren 100 % wasserdurchlässigen Ganzkörperkondomen haben wir uns trotzdem gefallen.
Am Abend haben Lars und ich uns noch eine schöne Massage gegönnt, Lars von einer Frau und ich von einem Mann. Die beiden ließen sich aber nicht davon überzeugen, dass sie zwischen uns nicht den Vorhang zuziehen müssen. Danach sind wir ganz entspannt noch mal raus aufs Deck und haben beobachtet, wie wir ins Schiffshebewerk des Drei-Schluchten-Damms eingefahren sind. Momentan sind erst vier Stufen aktiv. Wenn nächstes Jahr alles fertig ist, werden es fünf Stufen sein.

Am nächsten Tag haben wir den Staudamm aus der Vogelperspektive und das dazugehörige Museum besichtigt. Das Ding ist schon der Wahnsinn, auch wenn Lars meinte, er habe sich das alles noch größer und noch wuchtiger vorgestellt.

Hier ein paar ausgewählte Fakten:
Staudammlänge: 2310 m
Höhe des Staudamms: 185 m
Höchstes Stauziel: 180,4 m
Normaler Wasserpegel: 175 m
Wasserlinie: 65 m über der bisherigen Wasserlinie
Stauseelänge: 663 km
Nennleistung: 18,2 Gigawatt
Anzahl der Turbinen: 26
Überflutete Städte: 13
Überflutete Fabriken: 657
Umzusiedelnde Personen: ca. 1,3 bis 2 Millionen

Ich denke das ist genug!

Am letzten Tag unserer Kreuzfahrt hatten wir absolut sonniges Wetter. Doch durch den Wind habe ich nicht bemerkt, wie ich mich langsam verbrannt habe. Auf dem Weg zum Endziel Yichang haben wir die früher sehr gefährliche Xiling-Schlucht durchfahren. Sie ist bekannt für ihre engen, steilen Felsen und ihre wirbelnden Stromschnellen.
Spannende, interessante, erholsame 4 Tage lagen hinter uns und nach der Landung in Yichang wurde uns noch die Besichtigung des Chinesischen Störmuseums zuteil *gähn*. Keine Ahnung, wie wir die gewonnen haben. Vielleicht wegen Mr. Fish? Unser Reiseorganisator Felix, bei dem immer alles geklappt hat, scheint gedacht zu haben, dass uns das wohl interessieren muss… Nach dem Mittagessen in einem guten Chinesischen Restaurant, wurden wir noch am Flughafen abgeliefert und es ging zurück nach Shanghai, da es von hier aus keine Direktflüge nach Nanjing gibt.
Aufgrund von einigem Hin und Her bezüglich der Rückreise von Shanghai nach Nanjing bevor unsere Reise überhaupt losging, hatten wir am Ende weder Zugtickets noch Bustickets. Unser Local Guide in Shanghai hat uns da auch nicht wirklich weiterhelfen können. Alle Schnellzüge waren wegen der Feiertagsreisenden ausgebucht und so bekamen wir nur noch Karten für einen normalen T-Zug, der aber über 3 Stunden nach Nanjing braucht und auch noch später losfährt. Wir alle waren aber wahnsinnig geschafft und wollten nur noch auf dem schnellsten Wege heim.
Nun folgt eine kleine Lektion im Austricksen der Chinesischen Bahn. Erst mal haben wir uns vor der Wartehalle des nächsten Schnellzugs nach Nanjing postiert. Man wird ja, wie schon mal beschrieben, nur mit dem richtigen Ticket in die zugehörige Wartehalle gelassen, Kontrolle ist alles! Lars meinte, wir müssten nur warten, bis die nette Dame hinten eine Tür zu den Gleisen aufmachen muss und wir damit vorne unkontrolliert rein können. Pustekuchen… Erst stand da eine, dann zwei, am Ende waren es drei Damen! Unmöglich dort durchzukommen. Also versuchten wir es mit Plan B. Wir sind in unsere Wartehalle gegangen und haben abgecheckt, dass wir tatsächlich noch auf das D-Zug-Gleis kommen würden, wenn die unser Gate nur rechtzeitig aufmachen (meistens ca. 15-20 Minuten vor Abfahrt) und wir nach der Glastür links und nicht rechts abbiegen. Ok, noch 3 Minuten bis zur Abfahrt des D-Zugs und unser Gate wird geöffnet. I, ar, san (eins, zwei, drei), RENNEN! Ich hatte schon befürchtet, dass die uns zurückpfeifen, wenn wir falsch laufen, aber es hat wohl keinen interessiert. Gerade noch rechtzeitig haben wir uns in den Zug gequetscht und sind mit unseren falschen Tickets auf den Stehplätzen mitgefahren. Wir mussten dann bei der Kontrolle nur noch den Differenzbetrag zahlen und in der nächsten Station sind dann auch so viele ausgestiegen, dass wir alle Sitzplätze hatten.
Fazit unserer Yangtse-Kreuzfahrt. Wieder ein unvergessliches Erlebnis.

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