Montag, 14. April 2008

...denn sie wissen nicht, was sie tun

Freitagabend ging die Reise los ins Ungewisse. Dieses Mal ohne Lars, weil er noch auf Dienstreise in Deutschland ist. Wir haben uns dazu entschlossen mit dem Nachtzug im Liegewagen nach Huangshan zu fahren und dort ein bisschen in den Bergen spatzieren zu gehen.

Im Zug hab ich mich ein bisschen wie auf Klassenfahrt gefühlt, nur dass ich dieses Mal mehr Spaß hatte. Das wird wohl unter anderem daran gelegen haben, dass ich dieses Mal nicht Bier und Schnaps verweigert habe... Na ja, ok, ich geb's zu, die Gruppe an sich war einfach super drauf. Da in unserem Liegewagen nur vier Pritschen waren, wollten wir es keinem von uns fünf antun in den Liegewagen mit drei müffelnden Chinesen zu gehen und so haben Claudia und ich uns ein Bett geteilt. Von schlafen kann allerdings nicht die Rede sein.

Gegen 5 Uhr morgens wurden wir dann von der Zugbegleiterin "geweckt" und von unserem Tour Guide Simon abgeholt, der schon im Deutschland-T-Shirt auf uns gewartet hat. Dann wurden wir in einem Minibus zu seinem Restaurant gefahren. Bei einem stärkenden Frühstück (ich hab nicht mal einen seiner Pancakes geschafft, obwohl ich riesigen Hunger hatte) hat er mit uns abgesprochen, welche Route er uns empfiehlt.

Nachdem wir uns alle noch mal unter den einfachsten Bedingungen frisch gemacht haben, sollte es also losgehen.
Auf, du junger Wandersmann... Trallala... Ach du sch... Ächz, keuch, hust, japs... Zweehunnord Buls hab isch... Bald! Ach nee, wie jetzt, der ganze Weg besteht aus Treppen? Also wenn ich das vorher gewusst hätte...
Natürlich wusste ich vorher, dass das ganze kein Spaziergang wird, aber wenn man so nach 100 m Treppensteigen realisiert, dass man eigentlich nicht ganz die passende Kondition dafür hat, wirds einem bisschen komisch. 12 km, nur Treppen. Ich hab mich gefühlt, wie Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg. Nachdem ich etwa mit einer Kondition von Rainer Calmund und einem Rucksack voller Kieselsteine und Jamie mit einer Kondition wie David Beckham und einem Rucksack mit 'nem Taschentuch drin unterwegs war, hab ich irgendwann auch dankbar das Angebot angenommen die Rucksäcke zu tauschen.

Auf dem Weg bekommt man Eindrücke, die man nicht beschreiben kann. Auch die Fotos sind kein Ausdruck dessen, was man empfindet, wenn man es selbst erlebt. Und erstaunlichweise kommt man irgendwann an den Punkt, wo man sich irgendwie an dieses Stufensteigen anpasst. Es schmerzt zwar immer noch höllisch in den Oberschenkeln und ich hab viele kurze Pausen gemacht, aber man läuft einfach weiter und steigt Stufe um Stufe. Denn eine andere Wahl hat man sowieso nicht.
Je weiter man nach oben kommt, desto höher wird die Luftfeuchtigkeit, man sieht nichts mehr um sich rum und läuft nur noch in der Suppe. Am Gipfel angekommen geschieht das Unglaubliche: Wir haben das Glück und sehen "The Sea of Clouds", das Wolkenmeer. Ganz unvermittelt reißen die Wolken auf und man sieht die Bergspitzen. Wow. Ich kann nicht fassen, dass ich es (mit Trägerhilfe Jamie) aber dennoch mit meinen eigenen Beinen geschafft hab da hochzusteigen und dieses Naturschauspiel erlebe. Gänsehaut.

Irgendwas zwischen 5 und 6 Stunden haben wir bis nach oben gebraucht. Ihr zu Hause denkt wahrscheinlich wir haben 'nen Spinnie laufen, uns eine solche (Tor-)Tour anzutun. Aber ich sage euch, es ist mehr als nur ein Erlebnis.

Ich glaube, wir hätten die Natur noch intensiver genießen können, hätten wir nicht ständig lautstarke Chinesen um uns rum gehabt. Immer wieder ernteten wir erstaunte Blicke von ihnen, da sie fast alle nur mit der Seilbahn hochfahren und höchstens hinunter laufen, wenn überhaupt. Auch Sänftenträger trifft man häufig an, die auf erschöpfte oder erkrankte Kundschaft warten. Zähe, flinke Männlein tragen alles hoch und runter, was zwischen Talstation und Hotels bzw. Verpflegungsständen auf dem Gipfel benötigt wird.

Jetzt ging es also auf die Suche nach unserer Herberge, einem 4 (leere) Sterne Hotel. Nach einer weiteren Ewigkeit haben wir es auch gefunden. Der Eingangsbereich sah echt super aus. Ganz zielgruppenorientiert hat man sogar ein paar Massagesessel aufgestellt, die unsere Jungs auch genutzt haben.
Und hier die Inclusive-Leistungen unserer Luxussuite:
* Raum mit Blick... (wohin weiß ich auch nicht, hatten kein Fenster)
* eine Portion Schimmel und Muff extra
* Gastfreundschaft (kein Schlüssel fürs Zimmer!)
* 3 quietschende Doppelstockbetten
* die Absonderungen der Vorgänger auf der Bettwäsche
* spezielle Gastfreundschaft (Tierchen im Bad)
* einmal duschen in Socken

Dazu sag ich nur folgendes: Yippieayo, zählt mal durch, ich bin für 7 Sterne! Aber so wie ein unkonditionierter Körper es schafft sich 12 km die Treppen hochzuquälen, so stumpft auch das Hygieneempfinden einer Mitteleuropäerin ab. Nicht, dass ich ein gepflegtes Bad nicht mehr schätze. Wenn ich hier irgendwo eine schöne, saubere Toilette finde, könnte ich mich plötzlich Stunden darin aufhalten, aber wenn es einfach keine andere Möglichkeit gibt... Was willste machen. Nicht drüber nachdenken und direkten Boden-/Kloschüsselkontakt vermeiden. Auch hier gibt es Parallelen zu Hape Kerkeling...

Gegen Abend ist allerdings der Himmel wieder komplett zugezogen, so dass wir nicht den Sonnenuntergang beobachten konnten. Also haben wir in unserem Luxushotel noch etwas gegessen, was auch tatsächlich ganz gut geschmeckt hat und sind ganz zeitig erschöpft in die instabilen Betten gefallen.

Am nächsten Morgen ging's früh raus, da wir wenigstens den berühmten Sonnenaufgang sehen wollten. Aber auch da hat uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Also los zum Abstieg.
Abstieg, hallo, Aaabstieg? Verdammt, warum geht es hier eigentlich immer nur bergauf? Ich hab das Gefühl, dass wir 1/3 des Weges weiterhin Treppen hochsteigen. Und dann endlich, geht es an (ungesicherten!) Wahnsinnsschluchten entlang doch bergab.
Heimatland, da gibt's noch ein paar Muskeln die ich sträflich vernachlässigt habe und die jetzt gar nicht erfreut sind...
Also gar zu wackelige Füße darf man da nicht bekommen. Ich muss sagen, die Blicke hinab fand ich unglaublich beeindruckend, aber es hat mir jetzt nicht wirklich Angst gemacht. Ich habe aber höchsten Respekt vor unserem höhenängstlichen Stefan, der bei diesen schmalen Wegen am Abgrund wirklich zu kämpfen hatte.

Wieder Stufe um Stufe... Wir sind angekommen und ich kann es kaum glauben, dass ich jetzt meine Füße ausruhen darf. Wir fahren zu fünft in einem Taxi zurück zu Simon und werden mit einem exzellenten Mittagsmahl verköstigt. Geschafft und zufrieden setzen wir uns in den Bus, der uns zurück nach Nanjing bringt.
Ein Höllenritt, sag ich euch! Stephans GPS-Gerät ermittelt ca. 90 - 100 km/h, mit denen der Busfahrer durch die Orte braust. Wir waren fast alle schon ein wenig eingenickt als plötzlich das Unvermeidliche geschieht. Eine Person wollte die Straße überqueren und wir durften alle miterleben, dass die Bremsen gerade noch gut genug waren. Ich saß übrigens hinten in der Mitte. Noch ein bisschen kräftiger und ich wär ein nettes Geschoss geworden. Später haben wir festgestellt, dass es sogar einen Gurt gibt. Allerdings war der Sitz locker und der Gurt nur am Sitz befestigt. Sowas nennt man auch Schleudersitz. Die chinesische Lösung eben.

Zuhause angekommen habe ich mich ohne Bedenken auf die Klobrille gesetzt, genüsslich in einem sauberen Bad meine Körperpflege vollzogen, noch was gegessen und bin wie ein Stein ins Bett gefallen.
Nach tiefem, traumlosen Schlaf bin ich aufgewacht und habe schon den ganzen Tag das Gefühl von der Hüfte abwärts nur noch zwei verhärtete Muskeln zu haben: linkes Bein und rechtes Bein. Der einzige Trost: auch die anderen sind heute bisschen komisch gelaufen.
Yellow Mountain: ein eindrucksreiches Wochenende, das ich körperlich und seelisch erst mal verarbeiten muss. Es ist kräftezährend und dennoch würde ich es jedem empfehlen, der sich irgendwie dazu überwinden kann den Weg auf sich zu nehmen.

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