Ich war heute zum zweiten Mal mit drei meiner Kollegen in einem EMV-Labor bei einer anderen Firma, wo wir Tests bezüglich der elektromagnetischen Verträglichkeit verschiedener Baugruppen durchgeführt haben.
Die Firma ist ein erfolgreiches chinesisches Unternehmen im Bereich Elektrotechnik, das auch staatlich subventioniert wird und sich daher eine relativ große und wahnsinnig teure EMV-Kammer leisten kann. Allerdings fährt man von SNC aus bis dorthin 1,5 Stunden, obwohl es auch in Nanjing liegt, allerdings an der Stadtgrenze. Man muss sich erst mal über eine der zwei gebührenfreien Yangzi-Brücken quälen, wo natürlich immer Stau ist.
Da wir dort den ganzen Tag Tests durchgeführt haben, sind wir auch in die firmeneigene Kantine gegangen, und jetzt, liebe Hanne, kommt mal wieder ein Bericht über chinesisches Essen, dieses Mal aber mehr über die Art und Weise, als über das Essen an sich*g*.
Die Kantine öffnet immer 11:45 Uhr. Es wollen aber alle 1000 Mitarbeiter des Betriebes gleichzeitig futtern, deswegen sollte man sich besser schon 10 Minuten vorher einfinden. Da es eine "local company" am Stadtrand ist, haben die dort auch noch nie, wie z. B. die Mitarbeiter bei SNC, einen Ausländer gesehen. Das heißt also, mich haben sowohl gestern als auch heute alle dämlich angeglotzt, von oben bis unten gemustert, mit Fingern auf mich gezeigt... Wie sagt die Tina in solchen Situationen immer: "Ich mach' mir ein Schild, wo Alien draufsteht. Das kleb' ich mir auf die Stirn!" So fühlt man sich da wirklich. Die haben mich heute auch schon das zweite Mal gesehen. Man könnte vermuten, dass die sich doch an meinen komischen Anblick gewöhnen müssten, tun se aba nisch. Ok, das zu meiner Andersartigkeit, nun zur chinesischen Andersartigkeit.
Jeder Mitarbeiter hat dort so einen Papierschnipsel, der einen zum essen in der Kantine berechtigt. Du stehst also vor den großen Glastüren, hast dein "Ticket" in der Hand und alle schubsen und drängeln schon von hinten. Auf deutsch gesagt, du befindest dich kurz vor dem Einlass zum Konzert von Tokio Hotel. Und das geht auch so weiter, sobald die Schleusen geöffnet werden, rennen die da wie die Bekloppten rein, ohne Rücksicht auf Verluste! Ziemlich abgefahren. Eine Kollegin von SNC sagte zu mir "Be prepared, it's eating like a fighting", sinngemäß übersetzt: Stell dich drauf ein, dass du um dein Essen kämpfen musst. Da geht es bei SNC wirklich sehr gemütlich zu und es schmeckt besser. Außerhalb muss man auch die sterilen Edelstahl-Asietten ignorieren, aber den Gegenpol bilden die unsterilen Holzstäbchen. Und wenn man Lars heißt, muss man auch den lecker panierten Fischkopf, der sich beim Kollegen auf der Asiette tummelt ignorieren, aber ich heiß ja nicht Lars und er selber war ja auch nicht dabei *g*.
Und nun noch mal zur Glotzerei der Chinesen. Am Anfang war das ja noch irgendwie erträglich. Ich wusste, dass es so sein würde und dass diese Verhaltensweise keinesfalls als aggressiv oder beleidigend zu werten ist. Es ist einfach eine unverhohlene Neugierde. Aber wenn du jeden Tag so begafft wirst, dann nervt es schon ziemlich, oft sogar immer wieder von den gleichen. Irgendwie hab ich dann begonnen meine Guggerle richtig rauszuschrauben und extrem böse zu schauen, sollen sie doch denken "Oooh, böööse Langnase", hauptsache sie hören auf damit. Als ich mich darüber mit Tina, einer lieben Nachbarin von Lars, unterhalten habe, meinte sie, das habe sie erst auch gemacht. Doch dann hat sie festgestellt, dass sie davon auch keine bessere Laune bekommt und nun winkt sie stattdessen. Ich hab's ausprobiert! Die werden dann richtig verlegen, aber können doch nicht die Augen von einem lassen. Zurückgewunken hat noch keiner.
Ein Thema, was für mich auch jeden Tag aktuell ist: der Straßenverkehr. Macht mich täglich fassungslos... Sagen wir, wir haben zwei Fahrspuren und einen Standstreifen auf der Autobahn. Das kann man doch locker zu viert nebeneinander nutzen, würdet ihr das nicht auch tun? Warum diesen "Platz" verschwenden... Ach, und wenn man überholt, dann muss man von hinten kommend immer hupen, immer! Der Verkehr ist einfach so ausgerichtet, das würde anders nicht funktionieren. Die schauen immer nur nach vorne, nicht zur Seite und ganz sicher nicht in den Spiegel. Man verlässt sich darauf, dass der andere schon hupt, wenn was nicht passt.
In der Stadt wird auch generell die Gegenfahrbahn mit genutzt, wenn z. B. zu viele Knatterkisten und Fahrräder die eigene Spur blockieren. Ist aber an sich auch kein Problem. Dann versucht man halt ein bisschen mittig zu fahren, dann wird der Gegenverkehr schon irgendwie vorbeikommen. Und wenn die Linksabbiegerspur zu lang ist, täuscht man halt rechts an und zieht dann knallhart wieder in die linke Spur rein.
Sollte mal nichts mehr gehen, quälen sich halt die Autos über den Radweg, alles kein Problem!
Noch so 'ne Sache: Jeden Tag, wenn Lars und ich nach der Arbeit von der Bushaltestelle heimlaufen, könnten wir an der gleichen Stelle durchdrehen. Da geht es über eine Brücke, die auf der anderen Seite leicht bergab geht und an einer großen Kreuzung endet. Fußgänger und Radweg sind dort baulich von der Autospur getrennt und zwischen Radweg und Fußgängerweg ist auch noch mal ein Absatz, was aber auch Rille ist, weil die Knattermöhren immer schon trötend auf dem Fußiweg ankommen, wenn der Radweg überfüllt ist. Das lässt den Blutdruck schon leicht steigen. Er steigt weiter an, wenn sich die ganze Masse wieder nach uns umdreht, weil wir ja bekanntlich Außerirdische sind. Zweehunnerd Buls hammer dann - bald - wenn an der Kreuzung rot ist und die alle bremsen müssen. Und das quietscht auf einer Frequenz, die wir nicht ertragen können. Denen hat keiner beigebracht, dass man ein Fahrzeug auch pflegen und instandhalten kann. Es fährt ja noch, und die Quietscherei hören die wohl gar nicht mehr. Quietschen ja alle umher, warum sollte man auch was dagegen tun... Ich halte mir dann schon immer genervt die Ohren zu und schau sie - wieder mal - böse an, weil ich das wirklich, wirklich unerträglich finde, aber ich glaube, die sind so mit meiner langen Nase beschäftigt, dass die das gar nicht mitkriegen.
Im Suguo, dem Supermarkt um die Ecke, haben wir letztens auch mal wieder eine schöne Entdeckung gemacht. Wir haben einen offenen Sicherungskasten gesichtet, an welchen sie schon einen Ventilator geklipst hatten. Da ist wohl was zu heiß geworden und die Sicherung ist öfter gekommen. Was wir gesehen haben, war die Chinese Solution (Chinesische Lösung). Mich wundert nichts mehr.
Das war's für diese Woche von mir, am Wochenende geht's nach Peking und ich hoffe, dass ich wieder einige schöne, lustige und erstaunliche Dinge, dann auch wieder mit Fotos, zu berichten habe.