Sonntag, 19. August 2007

Wenn Engel reisen

Liebe Familie & Freunde,

ich danke euch allen ganz, ganz herzlich für eure Glückwünsche zu meinem Geburtstag, welche mich auf verschiedensten Wegen im fernen China erreichten: per SMS, E-Mail, Grußkarte, ICQ, Studivz und über das Gästebuch, ich bin überwältigt!

An meinem Geburtstag habe ich es mir gut gehen lassen. Lars musste ja arbeiten. Ich bin wie jeden Tag mit ihm aufgestanden und hatte aufgrund des strahlenden Sonnenscheins Lust, mich ein wenig auf dem Balkon zu sonnen. Aber ohne Fleiß kein Preis - zu erst hieß es Balkon schrubben. Man kann sich kaum vorstellen, welch ein Dreck sich dort sammelt. Das soll jetzt nicht heißen, dass Lars ein kleines Schweinchen ist, nur, dass die Luft hier unglaublich schmutzig ist und sich der Staub in ein paar Tagen wieder sichtbar absetzen wird. Aber die haben bei dem Bau mal ausnahmsweise mitgedacht und ein Waschbecken installiert, welches groß genug für einen Wischeimer ist. Zwei davon haben gerade so gereicht, darin stand aber der Dreck unten zwei Zentimeter. Also was da alles in die Lunge reinkommt, nee nee nee. Huste ich dann in Deutschland alles wieder ab, höhö. Also liebe Doreen, einen Mundschutz habe ich jetzt deswegen noch nicht. Außerdem passiert es uns so schon oft genug, dass sich die Chinesen auf der Straße 2, 3, 4 Mal nach uns umdrehen und beinahe Unfälle bauen. Eine Langnase ist schon was Seltenes, zwei auf einmal ist was ganz Besonderes. Mit Mundschutz? Das würden die hier ihren Lebtag nicht vergessen! Fotografieren lassen wollte sich aber bisher keiner mit uns.

Nachdem ich mich also tagsüber auf der Sonnenliege entspannt habe, hat mich Lars am Abend zum Nepalesen ausgeführt. Nun sag mal Doreen, hast du 'nen Nebenjob als Wahrsagerin, so mit Glaskugel und Decknamen Olga auf'm Jahrmarkt, oder so? Von wegen nepalesische Wurstpellenhersteller... Ich dachte, ich les' nicht richtig! Also wir haben dort jedenfalls super lecker gegessen. Das Essen war sehr scharf und würzig, für den europäischen Geschmack kann man das gar nicht beschreiben, exotisch eben. Aber auf jedenfall sehr lecker. Man bestellt von verschiedenen Dingen eine Portion und jeder kann sich von allem nehmen.

Dort konnte ich auch beobachten, wie Lars gelernt hat sich mit Zeichensprache zu verständigen. Uns war die Klimaanlage zu kühl eingestellt. Wie macht man der nicht englischsprechenden Bedienung klar, dass man es wärmer mag? Folgendermaßen: Nach oben zur Klimaanlage zeigen, mit den Händen auf und ab Bewegungen machen (für weniger) und sich dann selbst umarmen, den Kopf schütteln und "Brrrrrrrrrrr" machen. Hat funktioniert und mich hat das köstlich unterhalten!

Gestern haben wir uns zu den Purpurgoldbergen aufgemacht, wo wir das Grab des ersten Ming-Kaisers besichtigt haben. Zhu Yuanzhang, der erste Herrscher der Ming-Dynastie (reg. 1368 - 1398), ist zugleich der einzige chinesische Kaiser, der sich in Nanjing bestatten ließ. Seine Grabanlage, eine der größten, die in China erhalten sind, wurde bereits 1383 vollendet. Der innere Grabbezirk imponiert noch heute durch die riesigen Ausmaße der erhaltenen Gebäude. Das Grab selbst, unter einem künstlichen Hügel von fast 400 m Durchmesser gelegen, wurde nie geöffnet.

Weiter südlich liegt der 800 m lange Seelenweg mit seiner Ehrengarde aus 24 monumentalen Tier- und acht Beamtenskulpturen.



Einige Meter weiter steht ein kleiner Pavillon, der von schönen Zypressen und Kiefern umgeben ist.
Übrigens schwitzt man bei einem solchen Ausflug wie Reiner Calmund nach einem 1000 m Sprint. Auch nachdem wir wieder in der Wohnung waren und kühl geduscht hatten, lief es einem weiter. So ist das, wenn man einmal auf Betriebstemperatur ist. Ich habe sowas noch nie erlebt... Beim Rückweg fragte ich Lars, warum er kaum noch redet. Seine Antwort: "Ich befinde mich im Energiesparmodus" *lol*.

Ab Montag geht es also bei mir richtig los: Ich schnuppere mal bei SNC rein, darf also bei Siemens einige Wochen arbeiten. Gestern Abend, als wir bei einem Kollegen von Lars grillen waren, versicherte mir Lars' Chef, dass es genug zu tun gibt und man auf jedenfall auch eine Aufgabe für mein Praxissemester finden wird. Ich hoffe nur, dass der Kulturschock morgen für mich nicht zu groß wird. So viel zum Thema Kabelprinzessin...

Zu euren Kommentaren über die schöne Wohnung und den Ausblick, sagte Lars übrigens: "Ja, auf den Bildern könnte man fast meinen, es ist schön hier". Ich habe einfach auch riesiges Glück, da wir hier seit meiner Anreise drei Tage nacheinander blauen Himmel haben, was um diese Zeit des Jahres auch so gut wie nie vorkommt. Tja, wenn Engel reisen...